In diesem Artikel zeige ich dir den Grill-Me-Skill von Matt Pocock, wie er funktioniert und wie ich ihn in meinen Entwicklungsprozess eingebaut habe. Er sorgt bei mir für bessere Ergebnisse, spart Token, und Claude arbeitet genauer, statt nebenbei Dinge umzusetzen, die ich gar nicht wollte.
Die 3 versteckten Probleme von Claude Code
Wenn du Claude Code zum ersten Mal ausprobierst, fühlt es sich an wie Magie. Mit wenigen Prompts hast du eine erste Version, die augenscheinlich gut aussieht. Wenn du zusätzlich den Plan Mode nutzt, um deine Anwendung vor der Umsetzung zu planen, bist du schon deutlich besser dran, als wenn du einfach drauflos promptest.
Trotzdem haben Claude Code und andere Coding Agents drei nicht ganz offensichtliche Probleme, die dir später das Genick brechen können.
1. Stille Annahmen
Ist Claude sich an einer Stelle unsicher oder hast du ihm nicht genug Informationen gegeben, trifft er die Entscheidung für dich. Und das Fiese daran: Er sagt es dir nicht. Später wunderst du dich, warum das Ergebnis nicht dem entspricht, was du im Kopf hattest.
2. Context Rot
Je größer dein Projekt innerhalb einer Session wird, desto schlechter wird Claudes Leistung. Das nennt sich Context Rot und ist ein messbares Phänomen. Du merkst es meist erst spät. Wenn 80 Prozent deiner Anwendung stehen, werden die letzten 20 Prozent zur echten Herausforderung.
So ging es mir am Anfang auch: Du willst nur eine Kleinigkeit ergänzen, und plötzlich macht Claude Stellen kaputt, die längst funktioniert haben, vergisst Dinge oder verfängt sich in Fehlerschleifen. Wie du deinen Kontext grundsätzlich so strukturierst, dass das seltener passiert, erkläre ich im Artikel über Context Engineering in Claude Code.
3. Scope Drift
Manchmal baut Claude Dinge, die du nie beauftragt hast. Auch das ist ein bekanntes Phänomen und heißt Scope Drift. Mir ist es erst kürzlich wieder passiert: Ich stelle eine simple Frage und möchte eine einfache Antwort. Stattdessen schreibt Claude schon Migrationsskripte.
Die Lösung: Lass dich von Claude interviewen
Gegen einen großen Teil dieser Probleme hilft es, wenn Claude deine Anforderungen besser versteht. Dafür musst du dir nicht selbst ausdenken, welche Informationen Claude alle braucht. Du lässt dich einfach von Claude zu deinem Produkt oder Feature interviewen. Am Ende habt ihr eine gemeinsame Wissensbasis, auf der ihr aufbaut.
Der Plan Mode geht in diese Richtung, reicht aber nicht. Er stellt meist vier, fünf eher oberflächliche Fragen und ist gefühlt darauf aus, dir möglichst schnell einen Plan zu liefern. In die Tiefe geht er nicht.
Mein Ansatz: lieber mehr Zeit in die Planung stecken und sich dafür hinterher die ganzen Iterationen und die Fehlersuche sparen.
Was ist der Grill-Me-Skill?
Genau dafür hat der AI Engineer Matt Pocock den Skill Grill Me entwickelt. Er liegt in seinem Open-Source-Repository mit Skills auf GitHub, das zum Zeitpunkt meines Videos rund 200.000 Sterne hatte. Was ein Skill grundsätzlich ist und wie er aufgebaut ist, erkläre ich im Guide zu Agent Skills.
Der Skill ist erstaunlich kurz. Die Kernanweisung lautet (leicht gekürzt):
Interview me relentlessly about every aspect of this until we reach a shared understanding. Walk down each branch of the decision tree, resolving dependencies between decisions one-by-one. For each question, provide your recommended answer.
Ask the questions one at a time, waiting for feedback on each question before continuing.
If a fact can be found by exploring the environment (filesystem, tools, etc.), look it up rather than asking me. The decisions, though, are mine. Put each one to me and wait for my answer.
Do not act on it until I confirm we have reached a shared understanding.
Hinweis: In der aktuellen Version des Repositories startet /grill-me diese Anweisungen über einen zweiten Skill namens grilling. Am Prinzip ändert das nichts.
Die 4 Prinzipien hinter Grill Me
1. Den Entscheidungsbaum Ast für Ast durchgehen
Claude soll dich zu einem Plan, einer Idee oder einer Entscheidung unerbittlich befragen, bis ein gemeinsames Verständnis erreicht ist. Jede Antwort kann ein neues Thema öffnen. Claude geht diesen Entscheidungsbaum strukturiert ab und klärt Abhängigkeiten zwischen Entscheidungen nacheinander.
2. Zu jeder Frage eine Empfehlung
Für jede Frage formuliert Claude eine empfohlene Antwort. Das macht das Interview sehr effizient: Claude denkt mit, und oft kannst du seiner Empfehlung einfach folgen oder sie um deinen Input ergänzen.
3. Immer nur eine Frage
Claude stellt eine Frage, gibt seine Empfehlung, wartet auf dein Feedback und macht erst dann weiter. Es geht nicht darum, dir einen Fragenkatalog hinzuwerfen, den du durchklickst. Deshalb lohnt es sich, ausführlich zu antworten.
4. Erst selbst nachschauen, dann fragen
Was sich in der Umgebung herausfinden lässt, soll Claude selbst nachschlagen, etwa im Code deines Projekts oder in einem Projekt in der Claude-Desktop-App. Das spart unnötige Fragen. Die Entscheidungen bleiben aber bei dir. Wenn Claude meint, dass ihr ein gemeinsames Verständnis erreicht habt, sagt er dir das. Das finale Go gibst du.
Das Prinzip funktioniert übrigens nicht nur in der Softwareentwicklung, sondern überall, wo Claude ein gutes Verständnis braucht. Ein Beispiel: Du bereitest eine Urlaubsübergabe vor und überlegst, welche Informationen deine Kolleg:innen brauchen. Lass dich einfach interviewen.
Grill Me installieren und ausprobieren
Installiert wird der Skill über den Installer von skills.sh im Terminal:
npx skills add mattpocock/skills
Bestätige die Installation. Je nachdem, was du im Installer auswählst, bekommst du dabei auch weitere Skills aus Matt Pococks Sammlung. Prüf danach kurz, ob der Skill verfügbar ist, indem du in Claude Code /grill tippst.
Dann rufst du ihn mit deiner Idee auf. Ich schalte zusätzlich in den Plan Mode, damit Claude nicht schon während des Interviews anfängt zu entwickeln:
/grill-me Ich möchte mit dir eine kleine Webanwendung erstellen, um meine persönlichen Finanzen zu managen.
Claude schaut sich zuerst an, was im Projektordner schon existiert, und startet dann das Interview. In meinem Test kündigte er ungefähr zwölf Fragen an und begann an der Wurzel des Entscheidungsbaums: „Persönliche Finanzen“ sei zu unscharf, jede Antwort führe zu einer komplett anderen App. Was ist also der Kernzweck? Ein Rückblick, wohin das Geld geht? Danach ging es darum, wie Transaktionen in die App kommen: CSV-Import, manuelle Erfassung oder eine Bank-API. Ich habe mich für den CSV-Import vom Bankkonto entschieden. Danach folgten der Tech Stack und die einzelnen Funktionen.
Terminal oder Desktop-App?
Ein Detail ist mir beim Test aufgefallen: Im Terminal funktioniert der Skill für mich besser als in der Claude-Desktop-App. Die Desktop-App zeigt die Fragen als anklickbare Auswahl mit Antwortvorschlägen an. Das wirkt bequem, aber du kannst zu einer gewählten Antwort keine weiteren Infos ergänzen.
Bei der Frage, welche Konten die App abbilden soll, wollte Claude zum Beispiel die Banknamen wissen. Ich hatte nur eine Antwort angeklickt, also kam eine Nachfrage. In der Desktop-App musst du für zusätzlichen Input deshalb jedes Mal „Sonstiges“ wählen und die Antwort selbst eintippen. Eine Idee, die ich noch nicht getestet habe: den Skill so anpassen, dass Claude diese Auswahl-Ansicht nicht verwendet und frei fragt.
So nutze ich Grill Me in meinem Entwicklungsprozess
Du kannst den Skill für sich allein nutzen, immer wenn du mit Claude an einem Thema arbeiten willst. Sein volles Potenzial entfaltet er aber, wenn du ihn in einen bestehenden Ablauf einbaust.
Ich entwickle Software nach einem festen Prozess:
- Spezifikation: Anforderungsdokument für ein Feature schreiben.
- Systemdesign: Welche Seiten und Komponenten brauchen wir?
- Aufgabenliste: Jeder Punkt aus Spezifikation und Systemdesign wird zu einer Aufgabe. Umgesetzt wird genau das, nicht mehr.
- Entwicklung.
- Qualitätssicherung: inklusive automatischer Tests und Testberichte.
So ein Prozess beugt den Problemen vom Anfang vor und liefert reproduzierbare Ergebnisse. Grill Me setze ich direkt im ersten Schritt ein: beim Schreiben der Spezifikation.
Das Interview in meinem Spec-Skill
Mein Skill zum Schreiben von Spezifikationen startet mit einem Interview, das genau auf den Prinzipien von Grill Me aufbaut:
- Claude fragt so lange, bis ihr ein vollständiges gemeinsames Verständnis des Features habt.
- Immer nur eine Frage, nie mehrere auf einmal.
- Zu jeder Frage gibt es eine Empfehlung, die ich bestätige oder korrigiere.
- Claude folgt dem Gespräch und klärt Abhängigkeiten zwischen Entscheidungen der Reihe nach.
- Was sich im Code nachlesen lässt, liest Claude nach, statt zu fragen.
- Es gibt keine feste Anzahl an Fragen. Das Interview endet, wenn das Feature wirklich verstanden ist.
Danach folgen im Skill die Anweisungen, wie die Spezifikation aufgebaut sein soll.
Warum die Spezifikation Claude in der Spur hält
Die fertige Spezifikation schreibe ich für jedes Feature, bevor es in die Entwicklung geht. Claude kann damit während der Umsetzung selbst prüfen: Ist das, was ich gerade baue, im Scope und genau so vorgegeben? Die Spec wirkt wie Leitplanken links und rechts. Claude bewegt sich nur dazwischen, baut nichts nebenher und behält den Fokus.
Der wichtigste Teil für Claude sind die Akzeptanzkriterien. Das sind überprüfbare Aussagen darüber, was ein Feature können muss. Claude kann sie nach dem Bauen selbst testen. Ein Beispiel aus einer meiner Software-as-a-Service-Apps, in der Nutzer:innen mit Credits bezahlen:
Angenommen, ein Nutzer ist eingeloggt.
Wenn er einen geschützten Bereich aufruft,
dann wird sein aktuelles Guthaben dauerhaft als Badge in der Sidebar angezeigt.
Genau diese Akzeptanzkriterien lasse ich Claude auf Basis des Interviews schreiben.
Wie tief das Interview geht
Wie viele Fragen Claude stellt, hängt davon ab, wie viel Kontext er schon hat. Bei einem Feature zu transaktionalen E-Mails ging es zum Beispiel mit „Wann soll die Welcome-Mail rausgehen?“ los, gefolgt von weiteren Fragen. Weil ich vorher schon ein umfangreiches Projekt-Briefing angelegt hatte, in dem das meiste stand, kamen meist nur eine Handvoll bis etwa zehn Fragen zusammen, um das Feature im Detail zu verstehen.
Einordnung: Ein kurzer Skill mit großer Wirkung
Grill Me besteht aus wenigen Sätzen und ändert trotzdem viel. Statt dass Claude stille Annahmen trifft, klärt ihr jede Entscheidung gemeinsam, bevor eine Zeile Code entsteht. Das spart dir die Iterationen und die Fehlersuche, die sonst am Ende anfallen.
Am stärksten wirkt der Skill aber nicht allein, sondern als Baustein in einem festen Entwicklungsprozess: Interview, Spezifikation mit Akzeptanzkriterien, Systemdesign, Aufgabenliste, Umsetzung und Qualitätssicherung. Wenn du produktive, sichere Software entwickeln willst, die du auch verkaufen kannst, brauchst du genau so ein System.