2025 war das Jahr des Vibe Codings. Plattformen wie Lovable, Bolt, Replit und Base44 sind durch die Decke gegangen, haben teils enorme Finanzierungsrunden eingesammelt und waren den Hype auch wert. Sie sind extrem leicht zu bedienen. In diesem Artikel geht es um die Kehrseite: warum du für echte Produktentwicklung andere Werkzeuge brauchst und wie professionelle Produktentwicklung mit KI stattdessen aussieht.
Das Problem: Vibe-Coding-Apps bleiben Prototypen
Die Apps, die mit diesen Tools entstehen, bleiben oft auf Prototyp-Niveau stecken. Schaut man genauer hin, und das war in den letzten Monaten vielfach im Netz zu lesen, zeigen sich zwei Muster:
- Sicherheitslücken. Daten liegen offen, Zugriffe sind nicht sauber abgesichert.
- Fehlende Stabilität. Manche Anwendungen brechen schon bei wenigen Nutzer:innen komplett zusammen.
Das hat zwei Gründe. Erstens braucht produktionsreife Software einen professionellen Entwicklungsprozess, und den können diese Tools oft nicht liefern. Zweitens haben viele Menschen, die mit Vibe-Coding-Tools arbeiten, keinen Hintergrund in der Softwareentwicklung. Sie wissen schlicht nicht, worauf sie achten müssen. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, aber genau so entstehen die Risiken.
Prototypen bauen können diese Tools wunderbar. Schwierig wird alles, was danach kommt.
Für wen das Thema besonders wichtig ist
Product Manager und Product Owner
Als PM oder PO weißt du, wie man Anforderungen definiert und priorisiert. Du weißt, wie du mit Entwicklungsteams sprechen musst, um das zu bekommen, was du brauchst, und du bist die Schnittstelle zu den Anwender:innen.
Trotzdem müssen viele Produktentscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, weil die Datengrundlage fehlt. Mal eben ein Testfeature oder Testprodukt entwickeln zu lassen, dauert Wochen oder Monate, weil du vom Entwicklungsteam abhängig bist. Ideal wäre, wenn du selbst schnell eine datengetriebene Entscheidungsgrundlage schaffen könntest. Dann verlierst du keine Geschwindigkeit in der Produktentwicklung und im schlimmsten Fall keine Marktanteile. Genau hier kommt AI Coding ins Spiel.
Gründer:innen
Für die erste Version eines MVP investieren Gründer:innen oft mittlere fünfstellige Beträge in Agenturen oder Freelancer. Ich habe selbst mit solchen Dienstleistern zusammengearbeitet. Das Problem: Du machst dich abhängig, noch bevor du weißt, ob deine Idee überhaupt einen Product-Market-Fit hat, also ob es einen Markt gibt, der dein Produkt wirklich will.
Mit KI kannst du deine Produktidee selbst umsetzen und direkt mit deiner Zielgruppe testen und validieren.
KI macht dich zum Orchestrator
Das Schöne an der aktuellen Entwicklung: KI macht dich zum Orchestrator. Als Gründer:in, PM oder UI/UX-Designer:in hast du schon das Wichtigste, was du brauchst: Produktverständnis und Zielgruppenverständnis.
Was dir noch fehlt, sind die passenden Werkzeuge. Statt einer Vibe-Coding-Plattform nutzt du einen Coding Agent wie Claude Code oder Cursor, der direkt in deinem Projekt arbeitet und produktionsreifen Code erzeugen kann. Das klingt anfangs abschreckend technisch. Die Angst kann ich dir aber nehmen: Diese Assistenten führen dich sehr gut durch den Prozess.
Du brauchst dafür so viel Wissen wie nötig, aber so wenig wie möglich.
Vibe-Coding-Tool vs. Claude Code mit Workflow
Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Modell, sondern im Prozess:
| Vibe-Coding-Tool | Claude Code mit Workflow | |
|---|---|---|
| Einstieg | Sehr einfach, alles im Browser | Etwas technischer, Claude führt dich durch |
| Wer arbeitet | Ein Agent übernimmt alle Aufgaben | Spezialisierte Agenten für jede Phase |
| Prozess | Prompt rein, App raus | Anforderungen, Architektur, Umsetzung, Tests, Deployment |
| Typisches Ergebnis | Vorzeigbarer Prototyp | Belastbare Software, die du kontrollierst |
Was ich stattdessen mache: ein simuliertes Entwicklungsteam
Ich bin seit 14 Jahren im Product Management. Ich komme selbst aus der Softwareentwicklung und habe früher Web-Apps mit C# und ASP.NET im Konzernumfeld programmiert, um Prozesse zu digitalisieren und zu automatisieren. Ehrlich gesagt war das Coden für mich immer eine Hassliebe: Aus dem Nichts ein funktionierendes Ergebnis zu bekommen, fand ich faszinierend. Den Weg dorthin habe ich oft weniger genossen.
Später war ich Product Manager in einer der weltweit führenden Marketing-Agenturgruppen und habe dann meine eigene Softwareagentur gegründet und viereinhalb Jahre lang aufgebaut. Insgesamt habe ich über 150 Projekte begleitet, teils selbst umgesetzt, teils Entwicklungsteams gesteuert. Daher weiß ich, worauf es bei professioneller Software ankommt.
Genau dieses Wissen steckt in meinem AI-Coding-Workflow. Ich simuliere darin ein komplettes, professionelles Entwicklungsteam: sechs spezialisierte KI-Agenten, die alle Phasen eines Softwareentwicklungsprozesses abdecken. Jeder Agent ist mit den Best Practices seines Fachgebiets konfiguriert und bearbeitet seinen Bereich weitgehend selbstständig. Dazu kommt ein vorkonfiguriertes Projekt-Template mit allen Agenten und Kontextdateien, damit du nicht bei null startest.
Wie dieser Workflow in der Praxis aussieht, Schritt für Schritt vom Requirements Engineer bis zum Deployment, zeige ich dir in meiner Anleitung SaaS mit Claude Code entwickeln. Wenn du noch ganz am Anfang stehst, starte mit deiner ersten Web-App mit Claude Code.
Einordnung: Prototyp oder Produkt?
Vibe-Coding-Tools sind nicht schlecht. Für einen schnellen Prototyp, ein Klick-Mockup oder einen ersten Eindruck sind sie hervorragend. Sobald aber echte Nutzer:innen, echte Daten und echtes Geld im Spiel sind, reicht „Prompt rein, App raus“ nicht mehr.
Dann brauchst du einen strukturierten Entwicklungsprozess: klare Anforderungen, eine durchdachte Architektur, Tests und ein sauberes Deployment. Mit Claude Code kannst du genau diesen Prozess abbilden, auch ohne selbst Entwickler:in zu sein. Wie so ein Prozess im Detail aussieht, beschreibe ich in Vibe Coding vs. Spec-Driven Development.